Gaaaaaaanz neu: Digitalisierung!

Digitalisierung ist wirklich ganz neu. Daher hierzu einige grundlegende Informationen.

Ein Korb mit Äpfeln. Foto: Sven Teschke [CC BY-SA 3.0 de (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)]

Digital vs. Analog

»Digital« ist die neulateinische Form von »digitalis« und bedeutet zum Finger gehörend und meint abzählbare und somit mit Zahlen beschreibbare Dinge. Der Gegensatz ist »analog«.

Im Bild sehen wir einen Korb mit Äpfeln. Man kann auf den ersten Blick abschätzen dass die Äpfel für heute noch reichen.

Man kann aber auch rechnen. Wir sind vier Personen, die beiden Erwachsenen werden noch je zwei Äpfel essen, die beiden Kinder je einen Apfel.

2 · 2 + 2 · 1 = 6

Dann zählen wir die Äpfel, es sind (sichtbar) sieben Äpfel. Das reicht also.

Der erste Ansatz war analog, der zweite digital.

Digitales setzt also voraus, dass die Sache quantifiziert werden kann und auch wird. Ferner sollte eine Auswertung erfolgen.

Köln-Lindenthal im Jahre -4000

Wir sind mitten im Europäischen Neolithikum. Einige Bandkeramiker sitzen am Lagerfeuer, können sich nicht nicht entscheiden, ob sie mit Steinen oder Kupfer spielen sollen¹ und stellen gerade fest, dass jeder zehn Finger und zehn Zehen hat. Sie können also schon zählen und befinden sich somit mitten im Digitalzeitalter.

Köln-Nippes im Jahre -40000

In Nippes wohnt noch keiner, aber es könnten sich Reisende dorthin verirrt haben und am Lagerfeuer sitzen. Die Frage, ob man mit Steinen oder Kupfer spielen soll, erübrigt sich. Aber für Hände interessiert man sich auch im Jungpaläolithikum. Sie halten die Hände übereinander. Finger liegt über Finger. Alles schein gleich zu sein. Die Kinder atmen auf: Kein Mathematikunterricht zu erwarten, denn »zählen können wir ja doch nicht«. Klarer Fall von Analogzeitalter.

Köln-Ehrenfeld im Jahre 2019

Eine Gruppe nativer Ehrenfelder sitzt an einem Lagerfeuer (sie nennen es Grill) und braten einige Grillwürste. Finger zählen ist out und irgendwie so »Minus-Viertausender«. Dafür surfen alle, sogar derjenige der den verantwortungsvollen Wurstdreherjob gewissenhaft ausführt, mit ihren allgegenwärtigen Smartphones. Einer liest und verkündet gerade, die Verwaltung treibe Digitalisierung weiter voran. »Ja, ja. Die Moderne Zeit,« heißt es. Sowas hatten wir ja damals nicht, denkt man sich und beißt nachdenklich in die Biobratwurst².

Digital vs. Binär

Computer rechnen mit Einsen und Nullen, konnten also nicht vor der Zeit der alten Ägypter erfunden werden. Das System mit Einsen und Nullen nennt man Dualsystem oder Binärsystem.

Die Rechnung aus dem oben angeführten Beispiel sähe dann so aus:

0010 · 0010 + 0010 · 0001 = 0110

und wäre immer noch positiv zu werten, denn im Korb liegen ja 0111 Äpfel und 0111 ist größer als 0110, oder?

Ist das nun das Neue an der Digitalisierung? Das Binär-Digitale Zeitalter?

Gaaaaaaanz neu: Digitalisierung!

Ludwig Rudolf von Braunschweig-Wolfenbüttel sitzt im Kreise seiner Lieben, ein Lagerfeuer brennt nicht. Der Beginn eines neuen Zeitalters?

Er liest gerade, aber noch ganz analog, einen Brief:

Denn einer der Hauptpunkte des christlichen Glaubens … ist die Erschaffung aller Dinge aus dem Nichts durch die Allmacht Gottes. Nun kann man wohl sagen, daß³ nichts in der Welt dies besser vorstelle, ja, gleichsam demonstriere, als der Ursprung der Zahlen, wie er allhier vorgestellt ist, durch deren Ausdrückung nur und allein mit Eins und Null (oder Nichts) alle Zahlen entstehen. Brief von Gottfried Wilhelm Leibniz, zitiert nach https://de.wikipedia.org/wiki/Dualsystem#Geschichte

Sieh an, der alte Leibnitz, den man bitte nicht mit dem 00110100-zahnigen Hartgebäck verwechseln mag, hatte also schon Einsen und Nullen auf dem Plan!

Binär vs. Computer

Na gut, Leibniz war ein Universalgenie, hat sogar eine Rechenmaschine erfunden und gleich eine Handreichung für Schüler, die von bildungsfernen Lehrern mit Kopfrechnen gezwiebelt werden:

Es ist unwürdig, die Zeit von hervorragenden Leuten mit knechtischen Rechenarbeiten zu verschwenden, weil bei Einsatz einer Maschine auch der Einfältigste die Ergebnisse sicher hinschreiben kann. Leibniz, zitert nach https://de.wikipedia.org/wiki/Gottfried_Wilhelm_Leibniz#Die_Leibniz%E2%80%99sche_Rechenmaschine

Jedoch den Computer erfand er nicht. Bei Konrad Zuse klapperten im Jahre 1941 etwa 2.000 Relais in der Z3, was als der erste Digitalrechner gilt.

Hier beginnt die Digitalisierung?

Big Data

Digitalisierung meint meistens einerseits den unendlichen Zugang zum Internet (Breitband-Ausbau) und andererseits möglichst unendliche Datenverarbeitung (Big Data).

Schauen wir nach den Ursprüngen von Big Data.

USA im Jahre 1890

Das Volk soll gezählt werden. Eins, zwei drei und so weiter und so fort? Nein, etwas mehr möchte man schon wissen, so zum Beispiel getrennt für jedes Familienmitglied:

  • white, black, mulatto, quadroon⁴, octoroon⁵, Chinese, Japanese, or Indian.
  • Number of years in the United States.
  • Profession, trade, or occupation.
  • Month unemployed during the cenus year.
  • Able to Read.
  • Able to Write.
  • Suffering from acute or chronic disease, with name of disease and lenght of time afflicted.
  • A prisoner, convict, homless child, or pauper. [Family Schedule – 1 to 10 Persons. Schedule No. 1. Population an social statistics, https://www.census.gov/history/pdf/1890_questionnaire.pdf]

Nun wird klar, warum für die Auswertung eine Automatisierte Datenverarbeitung nötig war. Auch wenn es so hieß, es war eben keine reine Zählung, sondern eine Erfassung vieler persönlicher Daten.

Deutsches Reich im Jahre 1933

Die Lochkartentechnik sei ein „Teil der Industrialisierung des Massenmordes“ gewesen, schrieb beispielsweise die amerikanische Historikerin Sybil Milton vom Holocaust Memorial Museum in Washington, das auch zwei IBM-Maschinen ausstellt. Der programmierte Massenmord. In: Der Spiegel (Online), Montag, 12.02.2001 09:07 Uhr. https://www.spiegel.de/wirtschaft/ibm-der-programmierte-massenmord-a-117132.html

Die Daten der Volkszählung 1933 wurden in Lochkarten gestanzt (Abbildung hier). Zwar enthielten Karten keine Namen, konnten aber über Nummern (Zählbezirk, Listennummer) eindeutig zugeordnet werden. Der amerikanische Autor Edwin Black schreibt in seinem Buch »IBM and the Holocaust«⁶, die Hollerith-Maschinen seien unerlässlich für für den Genozid gewesen.

Atomkraft vs. Datenbanken

»Verantwortungsvoller Rückbau und sicherer Betrieb« titelt die RWE⁷. Sicherheit ist ein großes Thema bei Atomkraft. Jedem ist klar, warum. Atomkraft ist nun einmal gefährlich, da muss viel für die Sicherheit getan werden, das weiß auch jeder Autofahrer. Dennhier wird ebenso einiges in die Sicherheit investiert, denn auch Autos sind nun einmal gefährlich.

Genau so wird bei jeder Einrichtung von Datenbanken und jeglicher Datensammlung (Volkszählung, elektronische Gesundheitskarte, Mautbrücken, usw.) sofort versichert, dass alles für die Sicherheit, hier in Form des Datenschutzes, getan wird. Und auch hier ist der Anlass klar: Diese Datensammlungen sind nun einmal gefährlich.

Es ist nicht relevant, wie hoch die jeweilige Gefährdung ist. Es ist für diese Betrachtungen unwichtig, dass Atomkraft gefährlicher ist, als ein Auto. Es geht um Zusammenhänge: Sicherheitsmaßnahmen fußen auf einer Gefahr.

Gefahr und Fortschritt

Die elektronische Gesundheitskarte liefert einen Fortschritt. Natürlich gibt es auch Gefahren.

Für den sicheren und praktikablen Austausch medizinischer Daten wird eine Datenautobahn für das Gesundheitswesen aufgebaut. Diese Datenautobahn mit ihren Diensten und Komponenten wird Telematikinfrastruktur genannt. Ausschließlich berechtigte und zugelassene Nutzer im Gesundheitswesen können die Anwendungen und Systeme verwenden. Bundesministerium für Gesundheit: Die elektronische Gesundheitskarte. Abschnitt Wie sicher sind meine Daten? Online. Abgerufen am 26.07.2019.

Es ist anzuraten, dieses Zitat keinen Menschen zugänglich zu machen, die sich mit Daten, Datensicherheit und Datenschutz auskennen: Es besteht akute Gefahr für die Gesundheit!

Auch die elektronische Gesundheitskarte ist ein Teil der Digitalisierung. Auch dieser Teil wird nur unter Einsatz von Halbwahrheiten eingeführt. Es gehe um auf der Karte gespeicherte Notfalldaten. Es geht um Patienten die immer und überall ihre Elektronische Patientenakte abrufen könnten.

Nanu? Eine Patientenakte. Eine Patientenakte? Nicht bei jedem Arzt eine eigene, sondere eine zentrale Akte? Will man das? Wo ist denn die Akte? Ist die auf der Karte gespeichert? Oder doch im Internet, mit seiner sicheren Datenautobahn? Aber sie wird verschlüsselt sein und niemand wird jemals unberechtigt Zugriff haben. Versprochen!

Die Diskussion um die elektronische Gesundheitskarte wird nicht ehrlich geführt. Kaum ein Bürger weiß, dass sie Karte lediglich eine Zugangskarte für über das Internet zu erreichende Datenbanken ist.

Die Diskussion um die elektronische Gesundheitskarte wird nicht vollständig geführt. Die Frage nach dem Verhältnis zwischen Kosten und Nutzen wird allenfalls auf die finanzielle Seite bezogen, nicht auf den Preis der Sicherheit, den jeder Patient zahlen muss.

Digitalisierung ≡ Online

Wieso wird Digitalisierung immer mit Online, Internet, Datenbanken usw. gleich gesetzt, ja nahezu als identisch verstanden?

Eine Alternative zur Patientenakte wäre ein preiswerter Speicherstick, darauf die verschlüsselten Daten, Röntgenbilder, ebenso vom Arzt signierte Rezepte usw. Dazu ein kleiner unverschlüsselter Bereich mit den Notfalldaten für den Rettungsdienst.

Diese Lösung käme aus ohne »diese Datenautobahn mit ihren Diensten und Komponenten […] Telematikinfrastruktur genannt[e]« Schwachstelle und ohne zentrale Datenbanken. Die Daten bleiben beim Patienten. Sozusagen lokale Digitalisierung

Mit Maß und Ziel

Was ist das Maß, was das Ziel?

Eine Supermarktfiliale wird umgebaut. Das ist keine Investition, die sich in absehbarer Zeit bezahlt machen wird, sondern »Wir modernisieren für Sie«, liest man auf den Hinweisschildern. Die Kunden glauben und danken.

Die Mautbrücken dienen nicht der Gewinnmaximierung der daran beteiligten Firmen, sondern sie sollen Geld sparen. Sie dienen nicht zur Massenüberwachung der Fahrzeuge, sondern der Einfachheit halber. Man könnte natürlich einfach eine elektronische Mautplakette anbieten, die an die Windschutzscheibe gelegt, an den Autobahnen simpel ausgelesen werden kann. Keine Kennzeichenerkennung, keine optionale Gesichtserkennung, keine Verbindung mit dem Fahrzeug. Eine anonyme Plakette, elektronisch auslesbar, z.B. über RFID. Wer die Autobahn verlässt, kann die Karte weg nehmen. So bleibt die Datenhoheit weitgehend beim Inhaber der Daten.

Heute Legal morgen Illegal?

Heute bekenne ich mich zu einer Religion, einer sexuellen Identität, einer politischen Richtung, zu was auch immer.

Alles legal. Heute.

Was ist morgen? Entwicklungen schreiten fort und manchmal in einem fort in die Vergangenheit. Man kennt viele Länder, in denen Homosexualität legal geworden ist, einige, in denen sie noch immer kriminalisiert wird und auch Länder, die, vielleicht durch Systemwechsel in den letzten Jahrzehnten, wieder zu einem Verhalten finden, welches längst obsolet geworden sein sollte.

Die Gesellschaft ist permanenten Wechseln unterzogen. Die persönlichen Lebenswege sind Veränderungen unterzogen. Gesetze sind Veränderungen unterzogen.

Gespeicherte Daten bleiben.

Digitalisierung war das Thema

Digitalisierung ist das Thema. Noch für sehr sehr lange Zeit!


Anmerkungen

¹ Ein typisches Problem der Menschen in der Kupfersteinzeit. ² Native Ehrenfelder und Bio! Das ist was für die zugezogenen, denen die Südstadt zu langweilig wurde. ³ Leibniz lebte vor der letzten Rechtschreibreform. ⁴ »Quadroon is a word that was used in slave societies in the Amricas to describe some mixed-race people. It meant someone who had three white grandparents and one black grandparent.« [https://simple.wikipedia.org/wiki/Quadroon] ⁵ »Octoroon is a word that was used in slave societies in the Americas to describe some mixed-race people. It meant someone who was 7/8 white and 1/8 black.« [https://simple.wikipedia.org/wiki/Octoroon] ⁶ IBM und der Holocaust: Die Verstrickung des Weltkonzerns in die Verbrechen der Nazis: WikipediaRWE


Der Artikel erschien zuerst hier: https://wordpress.com/post/eichhoern.home.blog/36

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