„Gott mir Dir, Du Land der Bayern!“ – Im Freistaat wird jetzt wieder gekreuzigt

Der 1. Juni 2018 war ein bedeutsamer Tag in der Geschichte des christlichen Abendlandes: Im einschlägig bekannten Freistaat Bayern trat dank Verfügung durch die Bayrische Staatsregierung, personifiziert durch den gottgefälligen Glaubenskämpfer und begnadeten Selbstdarsteller Markus Söder, als Weihrauchnebel über sonstige politische Ideenlosigkeit die Kreuzespflicht in allen bayrischen Staatseinrichtungen in Kraft. Unser Experte für Religion und sonstige Kuriosa würdigt diesen epochalen Thriumph der Gottesstaatsidee. -Die Redaktion.-

von Hans-Detlev v. Kirchbach

„Es gibt weiter viele Millionen Auflagen ungezählter christlicher Zeitungen und Zeitschriften. Wenigstens die halbe Welt wimmelt auch von Einpeitschern des Christentums, von Kirchen, Klöstern, ja, die Mattscheiben der westlichen Hemisphäre flimmern derart von Kreuz und Christ, daß Goethe heute noch eher Grund hätte zu höhnen, daß »man vor lauter Kreuz und Christ / Ihn eben und sein Kreuz vergißt« – vom ingeniösen ›Wort zum Sonntag‹ hierzulande über Infiltrationen in allen möglichen Sendungen des Kulturbereichs bis zum Papstsegen urbi et orbi in ich weiß nicht wie vielen Sprachen“, schrieb 1985 allerdings der Gottseibeiuns persönlich, Kirchenkritiker [Die Red. entschuldigt sich für die folgende Namensnennung]  Karlheinz Deschner, in der Vorrede zum 1. Band seiner monumentalen „Kriminalgeschichte des Christentums“. Und in der Tat: Kaum eine christliche und kirchliche Großveranstaltung, die nicht brav und fromm vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen, das per verfassungswidriger Zwangsbeiträge auch von Atheisten und Andersgläubigen finanziert wird, übertragen oder doch zumindest gottgefällig kommentiert wird. Immer noch gibt es den konfessionellen Religionsunterricht in staatlichen Schulen – wobei sich letzthin die islamische Unterweisung der christlichen hinzugesellt; was es hingegen weit weniger gibt, ist empirisch-distanzierter Unterricht über Religion statt jeweils konfessioneller Indoktrination. In vielen öffentlich-rechtlichen Gremien sitzen Kirchenvertreter, namentlich in denen des gleichnamigen Rundfunks; die Militärseelsorge trägt zur mentalen Aufrüstung unserer Streitkräfte bei, die denn auch schon mal in geschlossenen Kompanien nach Lourdes pilgern; immer noch erhält die katholische Kirche Millionen an Restitutionen für das schwere Ungemach, das ihr angeblich durch Napoleon beigebracht worden ist, und die mildtätigen Werke ecclesialer Caritas – Krankenhäuser, Altenheime, konfessionelle Schulen, nicht zuletzt auch die Gehälter der Priester und Bischöfe, werden aus allgemeinen Steuergeldern, also auch aus denen der Ungläubigen, finanziert. Kirche in Deutschland – auf deren Privilegien kann Gott in Frankreich nur neidisch sein!

Bayern

Wozu, so könnte man denn gerade dieser Tage, da in Bayern die gleichfalls verfassungswidrige Kreuzespflicht in Kraft tritt, fragen, muß dann der per Grundgesetz zu religiöser Neutralität und Unparteilichkeit allen Bürgern gegenüber angehaltene pluralistisch-säkulare Staat in seinen Repräsentations- und Herrschaftsgebäuden noch die Symbolik einer spezifischen Religion sozusagen als Ikone und Leitlinie seines Seins und Wesens aushängen? Wird denn im, wenn schon nicht gleich „Königlichen“, freistaatlichen Amtsgericht¹ demnächst auch wieder unter dem Zeichen des Kreuzes judiziert? Wo doch schon im Jahr des Heils 1995 das Bundesverfassungsgericht die Kreuzespflicht an bayrischen Schulen nach der Bayrischen Volksschulordnung von 1983 als mit dem saupreußischen Grundgesetz unvereinbar zurückwies? Wobei freilich zu bedenken ist, daß die Vertreter des Landes Bayern im Parlamentarischen Rat das Grundgesetz bekanntlich ablehnten. Ausdrücklich deshalb, weil das Grundgesetz nicht christlich genug sei, wie der Geistliche und CSU-Abgeordnete Meixner am 20. Mai 1949 im Bayrischen Landtag erklärte: Das „Bonner Verfassungswerk“ sei halt „trotz der Anrufung Gottes in der Präambel und trotz mancher von unseren Freunden schwer errungenen Zugeständnisse doch letztlich ein Werk des säkularisierten Geistes unseres Jahrhunderts!“ Da ist dem Freistaat seine eigene Verfassung natürlich näher, die nach wie vor die „Ehrfurcht vor Gott“, was oder wer immer das nun auch sei, als verbindliches Erziehungsziel festschreibt.

Bibliotheken

Ob jetzt aus bayrischen Bibliotheken, soweit sie unter Landesregiment stehen, beispielsweise die „Satanischen Verse“ des oberwähnten Gotteslästerers Deschner oder etwa auch das grundlegende Werk des Deschner-Freundes Hans Wollschläger über die Kreuzzüge – „Die bewaffneten Wallfahrten gen Jerusalem“, worin er die alleinseligmachende Kirche schlechthin als „Verbrecherische Organisation“ betitelt-, verbannt, wenn nicht mit dem Kreuze exorziert werden, bleibt zunächst abzuwarten. Immerhin hat sich der wackre Meßdiener Markus Söder, der im Mysterien-und Passionstheater der bajuwarischen Staatsregierung derzeit die Rolle des Ministerpräsidenten spielen darf, den höchsten Segen, der auf Erden für seine verquere Symbolpolitik überhaupt denkbar ist, von gleich zwei Stellvertretern des HErrn abgeholt, nämlich vom aktuell amtierenden und vom pensionierten, bayrischen, Papst. Ein historisch einmaliger Vorgang, für den man doch gleich ein doppeltes Hallelujah intonieren darf.

Kreuzzüge

Nun stehen wir mit unseren ketzerischen Anmerkungen zu Söders Kreuz-und Holzweg aber nicht ganz allein, sondern auch, man mag es kaum glauben, in einer bis ins angeblich so christliche Mittelalter zurückreichenden Tradition.Erstaunlich frisch erklingen jedenfalls angesichts des aktuellen „Kreuzzuges“ unseres Gottesdieners Markus Söder jene Spottverse, die der Franzose Rutebeuf im 13. Jahrhundert über und gegen die damaligen, zugegebenermaßen weitaus gewalttätigeren, Kreuzzüge dichtete:

Wein trinkt man erst mal ungeheuer
Und streckt berauscht sich aus am Feuer,
Dann greift zum Kreuz man mit Hurra –
Und sieh, schon ist der Kreuzzug da,
Der dann beim ersten Morgenlicht
In wilder Flucht zusammenbricht.

Doch dieses Zitat danken wir nun wieder dem Antichristen Karlheinz Deschner…


¹ Die jüngere Generation sei auf die Fernsehreihe Königlich Bayerisches Amtsgericht aus den Jahren 1968 bis 1972 hingewiesen. Besonders hübsch die Folgen »Aufruhr« und »Der Fünfer«, sowie, sachlich hier am Nächsten, die Folge »Der Atheist«. (Alle Links führen zu Youtube.)

2 Antworten zu “„Gott mir Dir, Du Land der Bayern!“ – Im Freistaat wird jetzt wieder gekreuzigt

  1. Hervorragend, wunderbar! Macht weiter so mit Eurer Zeitung und viel Glück und Erfolg dazu. Man muss das nur unterstützen und im Marx-200-Jahr zitieren: “Es ist unsere Pflicht, dieses tiefsinnige Volk zu emanzipieren!” (Marx an Engels, MEW 31,181)

  2. Ich schließe mich meinem Vorredner an und füge noch ein “Klasse!” hinzu. 😉

    Ich war übrigens so frei, euren Artikel in den sog. “Sozialen Medien” zu teilen. 😉

    Beste Grüße

    Bert

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