Home Sweet Home (2011)

Wohnhäuser sind aus Stein, Straßen sind aus Stein. Da ist es doch nur logisch, dass der Weg zur neuen Wohnung auch steinig ist. Wer behauptet, dass einige Steine auf diesem Weg bewusst platziert werden, lügt! Denn das kann dochnicht sein!

Jochen Lubig, 2011. Zuerst veröffentlicht im Kölner Erwerbslosen-Anzeiger Nr. 71.

Die neue Wohnung für drei Personen darf maximal 6,80 Euro pro Quadratmeter kosten, dazu dürfen maximal 1,30 Euro pro Quadratmeter Heizung kommen, sie darf maximal 77 Qu­dratmeter groß sein. Ist sie kleiner, darf sie auch nur weniger kosten. Ist sie größer, darf sie nicht mehr als eine Wohnung kosten, die 77 Quadratmeter groß ist. Das gilt für die Miete und für die Heizkosten. Die Maximalwerte sind verbindlich. Sicher, sie sind nicht gesetzeskonform. Sie entsprechen auch nicht den Vorgaben des Bundessozialgerichts. Aber an die se Vorgaben hält sich die Stadt Köln eben einfach nicht. Das Urteil ist schon zwei Jahre alt, aber das ist angesichts einer Stadt mit zweitausendähriger Tradition doch keine Zeit.
Köln, ARGE, 6. OG, im Büro.
Wir hören geduldig zu.
Die Notwendigkeit eines Umzugs in eine neue Wohnung ist bescheinigt. Die neue Wohnung ist nach vielen Mühen gefunden. Die Miete ist akzeptabel. Dem Umzug wird stattgegeben. Die Kaution kann beantragt werden. Aber nicht hier, sondern im Wohnungsamt der Stadt Köln.
Das hört sich logisch an. Allerdings wird auf der Kautionszusage die ARGE im Briefkopf stehen. Denn sie ist zuständig. Aber wir müssen zum Wohnungsamt. Denn das ist zuständig. Dualität der Logik. Ja, das ist möglich, bei Behörden sogar wahrscheinlich, bei der Kölner ARGE sogar zwingend.
Wir verstehen.
Köln, Kalk, KalkKarre, 2. OG, Gang rund um den Lichthof, am Ende der Warteschlange.
Wir warten geduldig.
Denn wir wollen ja nur eine relativ geringe Summe, nur einen winzigen Bruchteil einer Milliarde. Da muss man geduldig sein und kann keine zuvokommende Behandlung erwarten.
Es geht langsam weiter. Die Schlange vor uns wird kleiner. Die Schlange hinter uns immer größer. Nur eine Mitarbeiterin an der Informationstheke. Informationen brauchen wir zwar nicht, aber wir müssen dort hin.
Warum müssen wir denn dort hin, fragt man sich in der Schlange. „Wir sollen abgeschreckt werden“, meint jemand, der den Sozialstaat nicht verstanden hat. Abschreckung! Die sind hier, um uns zu helfen!

„Läßt man den Vagabunden etc. ungehindert aus einer Arbeit in die andere, aus einer Wohnung in die andere ziehen, so ist weder eine Ueberwachung, noch ein consequentes Besserungsverfahren, und daher auch keine Besserung möglich.“
M. L. Friedrich: Offene Briefe über das Armenwesen im Königreiche Sachsen, Dresden 1859.

„Wir möchten die Übernahme einer Mietkaution beantragen.“
„Wovon leben Sie?“
„Von Hartz-IV.“ Wir drehen uns nicht um, aber ich bin sicher, dass zumindest die ersten in der Schlange verständnisvoll nicken.
Privates ist politisch und braucht daher nicht privat zu bleiben. Das hat die Behörde erkannt. Immerhin!
„Dann brauche ich Ihre Unterlagen.“
„Die geben wir im Büro ab, wir wollen hier draußen nicht alles verhan­deln. Schließlich gibt es den Schutz der Sozialdaten und Datenschutz überhaupt und…“
„Dann bekommen Sie auch keine Wartemarke.“
„Wenn wir eine Wartemarke wollen, dann bekommen wir die jetzt auch!“ sprach der prophetisch begabte und dennoch arbeitslose Bittsteller und behielt Recht.
Wartezeit auf dem Flur ist nicht uninteressant. Man kann so viel erleben. „552“, drei Sekunden Pause, „553“.
Schön, 553 meldet sich. 552 war vielleicht zu weit weg, verstand kein deutsch oder hatte zwischenzeitlich im Lotto gewonnen und benötigte die staatliche Wohlfahrt nicht mehr.
„554“. Wir schnellen in die Höhe und streben eilig dem Büro entgegen, welches wir durch die dafür vorgesehene Tür betreten. An sich unnötig, wir hätten jede andere Tür auf dem Flur nehmen können, denn alle Büros waren untereinander verbunden und alle Verbindungstüren standen offen.
Privates ist politisch, denke ich und schließe die Verbindungstüren zur Rechten und zur Linken. Denn öffentliche Wohlfahrt ist ja nicht politisch.
Denke ich. Aber ich denke falsch.
„Die Türen bleiben auf!“
„Das wollen wir aber nicht!“
„Ich werde mit Ihnen nicht in einem geschlossenen Büro alleine bleiben!“
Ist es doch politisch?
Alle Diskussion bringt nichts, zumindest die Verbindungstür zur Linken bleibt offen. Sonst würde der Antrag nicht angenommen.
Wir sind auf die Kaution angewiesen, also machen wir mit.
Das Antragsverfahren geht unfassbar schnell und glatt. Ein paar Unterlagen werden eingesehen, ein paar Formulare werden ausgefüllt.
Abholung der Zusagen nächste Woche Mittwoch um zehn Uhr an der In­otheke Das war es auch schon und „auf Wiedersehen“.
Lag das an den offenen Verbindungstüren?
Köln, Kalk, Kalk-Karre, 2. OG, Gang rund um den Lichthof, Infotheke.
Die Übernahmeerklärung ist fertig. Kann man mitnehmen. So ist das schon besser, als wenn das Schreiben einfach zugeschickt worden wäre. Es ist einfach persönlicher! Dafür nimmt man gerne eine weitere Fahrt zum Wohnungsamt in Kauf. Die ein oder zwei Stunden Aufwand und das Fahrgeld lohnen sich, wenn man in die Gesichter der hier beschäftigten Menschen sehen darf.
Köln, ARGE, 6. OG, im Büro.
Alles ist prima. Der Umzug wird ja nicht viel kosten. Nur einen Transporter ausleihen. Schleppen kann man ja selbst. Zum Fahren wird sich schon jemand finden, das kostet dann nichts. Man nennt es wohl Sozialhilfe, enn Menschen für Gotteslohn beim Umzug helfen (klar, dass man ihnen nichts zahlen kann und sie nicht ein mal zum Essen einladen kann). Oder nennt man es Gemeinsinn? So etwas tut doch jeder. All die Ackermänner und Meisners, all die von der Leyens und Roters. Die schleppen doch sicher immerzu Möbel für‘s Allgemeinwohl.
Für die Renovierung gibt es eine Pauschale. Die muss dann reichen. Pauschalen sind gesetzwidrig? Wir sind hier in Köln! Gesetze! Also wirklich!
Ach ja, die neue Wohnung ist größer, es werden einige neue Möbel gebraucht, vor allem für das zweite Kinderzimmer. Aber das wird sicher glatt gehen. – Die ARGE sorgt doch für uns.

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