Der Gipfel: Seehofer und sein Wanderwitz

Der Streit um den angeblichen Skandal der Bremer Außenstelle des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) geht auch an uns nicht vorbei und wird hier einer ausführlichen Untersuchung unterzogen werden. Doch heute, vorab, drängt sich uns ein themenverwandtes Stückchen aus dem Berliner Polit- und bayrischen Heimattheater auf, das die tagesaktuellen Schlagzeilen mit einem ähnlichen Humorfaktor durchtränkt wie ansonsten nur die daily tweets des seelenverwandten Donald Trump.

von Hans-Detlev v. Kirchbach

Sensibler Heimatfreund

Carl Spitzweg: Wo ist der Pass?, ca. 1848 / 1850.

Unser „Heimatminister“ Horst, der Seehofer, desintegriert sich – er nimmt am „Integrationsgipfel“ seiner Vorgesetzten und ärgsten Freundin, der vermeintlich allzu flüchtlingsfreundlichen Kanzlerin, nicht teil. Als erster Bundesinnenminister aller Zeiten. Er, der doch ans Austeilen und Draufhaun nach bajuwarischer Manier, als getreuer Schüler seines verewigten Leitidols Franz-Josef Strauß, seit Jahrzehnten gewohnt ist, erweist sich nun als dünnhäutiger Sensibilist. Wenn auch nur in eigener Angelegenheit. „Verunglimpft“ fühlt er sich, der Gute, der doch vor Verunglimpfungen und populistischen Holzereien ansonsten nie und nimmer zurückschreckt, von der Veröffentlichung einer bislang öffentlich völlig unbekannten Teilnehmerin des „Integrationsgipfels“.

Unsensible Kosmopolitin

Ferda Ataman heißt die streitbare Dame; sie firmiert als Mitbegründerin einer Organisation namens “Neue deutsche Medienmacher” und Sprecherin der “Neuen Deutschen Organisationen”, die sich eigener Darstellung zufolge für „Vielfalt und gleichberechtigte Teilhabe“ einsetzen. Was immer darunter je konkret zu verstehen ist – es läuft jedenfalls dem „Heimat“-Geschwurbel des alpenländischen Heimatmuseumsdirektors von Grund auf zuwider und löst bei einschlägiger Klientel von tobenden rechtsnationalen Internetblogs über die nicht zuletzt aus solchem Milieu erwachsene 15-Prozent-Partei AFD bis hin zu Seehofers eigenem Musikantenstadl direkte Abwehrreflexe wider solche „political correctness“ aus.

Und nun hat die vorwitzige Journalistin in einem Beitrag für eine Publikation der „Amadeou-Antonio-Stiftung“ auch noch gewagt, den Begriff „Heimat“ gegen den rechten Strich zu bürsten (wie es, nebenbei bemerkt, vor fast einem Jahrhundert schon Kurt Tucholsky¹ tat). „Deutschland, Heimat der Weltoffenheit“, heißt ihr Artikel, in dem sie den Geist, der das Seehofersche Heimatkonzept gebar, folgendermaßen kenntlich macht:

„Politiker, die derzeit über Heimat reden, suchen in der Regel eine Antwort auf die grassierende ‚Fremdenangst‘. Doch das ist brandgefährlich. Denn in diesem Kontext kann Heimat nur bedeuten, dass es um Blut und Boden geht: Deutschland als Heimat der Menschen, die zuerst hier waren.“ [1]

Das ist aus der Sicht des Heimatministers natürlich ungeheuerlich – es könnte zu kritischem Nachdenken verleiten, das unreflektiertem Affekt seit je im Wege steht. Freilich könnte man Atamans Analyse die von Georg Seeßlen zur Seite stellen, der sich noch viel rabiater als Frau Ataman an den diffus dominierenden rechten Alt-und Neusprech, insbesondere den „Heimat“-Begriff, heranmacht:

„Brabbelbrabbel HeimatNation brabbel“, spöttelt er in der taz vom 24. Mai 2018 und befindet: „Der rechtsextreme Sprech ist als Grundrauschen in den Alltag eingesickert.“

Freilich ist dieses „rechte Grundrauschen“, das letztlich nicht aus einer „extremen“ Ecke, sondern aus der berühmten „breiten Mitte“ ertönt, in Deutschland nie verklungen, sondern war stets vernehmbar; seit einigen Jahren allerdings übernimmt es eine Art diffuser Diskursherrschaft, mit „extremer“ Verschärfung der Tonart gerade, wie Seehofers Exempel zeigt, aus der „Mitte“. Dieser „Rausch“ ist nun ministeriumsfähig geworden. Frau Ataman sieht das wohl ähnlich:

„Das Heimatministerium ist vor allem Symbolpolitik für potenzielle rechte Wähler. Der Name suggeriert, dass von nun an eine Bundesbehörde über Leitkultur und Zugehörigkeit befinden kann. Seehofers erste Amtshandlung bestand darin zu sagen: »Der Islam gehört nicht zu Deutschland.«“ [2]

Es gibt Grenzen!

Das war für unsern Horst denn doch zuviel. Vor der Presse zog er Ferdas Artikel beleidigt aus der Jackettasche und klagte: „Blut und Boden. Mich damit in Verbindung zu bringen.“ Und überhaupt, so Seehofer laut tagesschau.de: Es sei falsch, zu behaupten „Heimat“ habe etwas zu tun mit der „Sprache der Nazis“. Wohl aber doch mit einer Sprache, die vor den Nazis schon im Denken und Reden der bürgerlichen Mitte tief verankert war – eben jenem lang- und zählebigen „rechten Grundrauschen“.

Man muß wahrlich nicht mit allen Ansichten von Frau Ataman übereinstimmen. Aber es drängt sich doch der Verdacht auf, daß einem wie Seehofer, der, sei es aus Überzeugung und/oder aus wahlkämpferischem Kalkül, mit oberflächlichen Anti-Flüchtlings-Effekthascherei den grassierenden rechtspopulistischen Affekt bedient, die direkte Konfrontation mit einer Sachkennerin in Migrationsfragen wie Ferda Ataman unangenehm ist. Denn was sie aus ihrem Wissen beitragen kann, läßt die Blase aus Ignoranz und Ressentiment, aus der sich die völkischen Dumpfängste nähren, zerplatzen wie einen Luftballon. Beispielsweise nur mal diese Klarstellung aus einem Artikel Atamans im SPIEGEL:

„Manche Journalisten-Kollegen rufen Sprecher muslimischer Communitys an, wenn sie Fragen zu Migration haben. Oder Migrantenverbände, wenn sie Fragen zum Islam haben. Dabei sind viele Muslime gar keine Migranten. Und nur ein Bruchteil der Eingewanderten ist muslimisch – bei einem Muslimenanteil von knapp sechs Prozent in der gesamten Bevölkerung eigentlich selbstverständlich.“

Dabei ist Ferda Ataman nicht einmal grundsätzlich gegen den „Heimat“-Begriff; sie „mag“ ihn gar, hält ihn für „einen wunderbaren Dreh-und Angelpunkt, um darüber zu diskutieren, wo wir in der Gesellschaft stehen.“ Aber:

„Wenn man den Begriff nicht den Rechten überlassen will, sollte man ihn auch nicht in ihrem Kontext verwenden. Was Seehofer also nicht verstanden hat: Wenn er den Begriff ‚Heimat‘ besetzen will, braucht er eine Symbolpolitik für Vielfalt, nicht dagegen.“

Einfalt statt Vielfalt

Freilich macht mindestens für Seehofers bayrische Wahlkampfstrategie der „Heimat“-Begriff nur dann einen Sinn, wenn er ihn, traditionell, „rechts besetzt“ – gegen „Vielfalt“ eben, für Einfalt; und sei es nur, um die AFD in den kommenden bayrischen Landtagswahlen aus dem Felde zu schlagen. Ob der „Heimat“-Begriff denn überhaupt anders zu wenden ist als in diesem Sinne, oder ob er als zentrales Element des „rechten Grundrauschens“ nicht völlig kontaminiert ist, steht im übrigen auch sehr dahin.

Wie dem auch sei: Auf Seehofers Anwesenheit muß der „Integrationsgipfel“ verzichten; die Fokussierung auf eine populistische Anti-Flüchtlings-Tendenz verstellt beim Innenminister auch den Blick für Integrationsprobleme der hier bereits seit Jahrzehnten ansässigen Migrationsklientel. Als Ausputzer schickt er, der sich mit Migration nicht befassen will, seinen Staatssekretär namens Wanderwitz; da fällt es, um „argumenta ad nominem“ zu meiden, gleichwohl schwer, keinen Witz zu machen.


Anmerkungen der Redaktion:
¹ Auch so ein üblicher Verdächtiger


[1] https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/w/files/pdfs/zeitung-ermutigen/ermutigen_20.pdf
[2] https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/aktuelles/2018/deutschland-heimat-der-weltoffenheit/

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