Frühes Flüchten

Vorabveröffentlichung aus dem „Roman ohne Titel“

Ein Verständnis von dem was „Flucht“ bedeutet, und woraus die Ursachen sich herleiten können, hat unser Autor schon früh verstanden. Hier ein Ausschnitt aus dem in Arbeit befindlichen Roman.

von Joachim Lünenschloß

… Die Sprache stotternd, wie ein Wolfskind, die Unmöglichkeit, in seiner Umgebungswelt geachtet zu sein – nur auf Zeit geduldet – mit der jederzeitigen Möglichkeit, aus der ihn umgebenden Gesellschaft ausgestoßen, abgeschoben, oder vernichtet zu werden, wie ihm schon früh bewußt wurde, konnte er seine Muttersprache, die auch nazistische Vernichtungssprache war, nur stotternd, bruchstückhaft – mit den darin enthaltenen, grausamen Widersprüchlichkeiten – wiedergeben, erlernte ein chaotisches Gefühlskauderwelsch (das seine Entsprechung im Sprachvermögen fand), in dem Sinnhaftigkeit ohne Navigation verunmöglicht wurde, was ihm sagte: „Ich muß hier weg! Muß flüchten, emigrieren in eine andere Welt, in der ich leben, überleben kann, vor der drohenden Vernichtung in eine bessere Weltregion, hin zu offenen, freundlich gesonnenen Menschen flüchten, in eine selbstverantwortete Zukunft finden – die es doch geben muß!“, so Kurt, sich wiederholend weiter. Von faschistisch gesonnenen Menschen umgeben, an fürchterlichster erster Stelle seine eigenen Eltern, verstand Kurt schon früh unbewußt die Beweggründe von Flucht, die, in Geschichte und Gegenwart, Menschen zur Flucht treiben. Das selbstverständliche Recht zur Flucht! Unterscheidungen in sogenannte „Wirtschaftsflüchtlinge“, oder „politische Flüchtlinge“, und so fort, die seit Jahrzehnten eine das Wort „Asyl“ vollkommen beschmutzende Wirkung entfalteten, einteilen und spalten sollen („Teilen und Herrschen“, beherrschen und hetzen), die Asylsuche von Flüchtlingen desavouieren, in ein schäbiges Licht stellen – ein ekelhaftes Spiel – eine Einteilung, nach der die Mehrzahl der jüdischen Flüchtlinge in der Nazizeit ebensogut (schlecht), „Wirtschaftsflüchtlinge“ waren, denn zur „religiösen“ Verfolgung (mit Mord und Todschlag), die alle, auch säkularisierte, also nicht religiöse Juden betraf, gehörte der großangelegte Diebstahl ihres Vermögens, die Verunmöglichung einer wirtschaftlichen, geistigen Existenz, die sie zu Armen und Ärmsten machte, die selbstverständlich für ein anderweitiges Weiterleben auch wirtschaftliche Perspektiven brauchten. Sie waren also auch: „Wirtschaftsflüchtlinge“. In diese dreist nationalistische Vokabelkategorie gehörte für K. das Wort von der „Leitkultur“ (Kultur als rechter Kampfbegriff), welche an dummer, ignoranter Blödheit kaum zu überbieten ist! Eine Wortschöpfung, die dem „Stürmer“ entstammen könnte, dem antisemitischen Hetzblatt der Nazis …

Im Gegenteil besteht die Menschheitsgeschichte unleugbar, so K. weiter, – in der zu überblickenden Geschichte – aus Wanderungsbewegungen, aus Fluchtbewegungen, die, im Gegensatz zur kurzen Geschichte der Seßhaftigkeit, der Normalzustand menschlichen Seins sind, der, aus welchen Gründen auch immer, weiterhin, natürlicherweise die Norm sein sollte und die Flucht zu einem Menschenrecht macht.

Alles dies, auch die Schwierigkeiten, die damit verbunden sind, sein gewohntes Umfeld verlassen zu müssen, verstand Kurt schon sehr früh.

Als Junge, wieder einmal auf´s äußerste verzweifelt, allein im Sumpfwald von Baumstumpf zu Baumstumpf hüpfend, – die Bedrohungen der Anderen waren kaum mehr aushaltbar, so seine damalige Realität –, fragte er sich oft, wann er endlich in der Lage sein würde, aus dieser für ihn gefährlichen Misere zu flüchten. Wiederholt fragte er sich, noch ganz im Bann furchtbarer Erziehung, in einer Dressur zum Sklaven befangen, wie es anzustellen sei, da er sich doch zuerst bei seinen Eltern freikaufen müsse, denn was hätte er diese nicht schon alles gekostet. Wie eine Summe aufbringen? Welche Summe könnte es sein? Gedanken eines Sklaven, der sich von seinem Herrn, seiner Herrin, freikaufen möchte! Welch pervers, evangelikal- merkantil geprägte Ideen ihm im Kopf herumschwirrten, daß er auf solche Ideen kam!?, so K. schaudernd im Rückblick. Das einzige Glück, das ihm und seinen Geschwistern gegeben war, wurde durch den Zufall, daß ihre Eltern keine Zeit für ihre Kinder hatten, da sie immerfort mit eigenen Problemen beschäftigt waren, ermöglicht, nämlich in den meisten Stunden des Tages auf sich allein gestellt, nicht von diesen behelligt zu werden …

 

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