Freie Fahrt für Freie Bürger!

In den sechziger Jahren geschah die Katastrophe: das Land war flächendeckend zubetoniert. Dies hatte eine drabende Bauindustrie zur Folge und mit ihr darbte so mancher nebeneinkommensgestahltbetonierte Bauamtsleiter, Stadtverordnete, Bürgermeister, Landrat, Regierungspräsident, Ministerpräsident, Bundeskanzler.

Hans-Detlev v. Kirchbach, Köln 2018.

Aber dann sahen sie es: das Licht am Ende des Tunnels! Um zu diesem Licht zu gelangen, musste man natürlich den Tunnel erst bauen. An sich ein reizvoller Gedanke, nach der Oberfläche nun auch den Untergrund zu betonieren. Damit der Tunnel nicht ganz nutzlos war, ließ man U-Bahnen darin fahren. Das freute dann auch die Freihe-Fahrt-Bürger¹ und nicht zuletzt die Autoindustrie.

In genau diesem Untergund traf man sich, einigte sich und verkaufte man sich: Die Bauindustrie, die Politik, die Verwaltung und alle sonstigen üblichen Verdächtigen. Als man an die Oberfläche und somit an die Öffentlichkeit trat, sang der Chor sein populistisches Lied: „Zukunft Zukunft über alles, über alles in der Welt.“ Die Öffentlichkeit freute es, denn die Stadt sollte ja autogerecht werden.²

Man war technik- und zukunftsbegeistert. Die Einen, weil sie gut daran verdienten, die anderen, weil sie sich eine schönere Zukunft erträumten, der Rest, weil es ihnen ersparte, über das Hier und Jetzt nachzudenken.

Bereits die ersten U-Bahnen sorgten für Freude. Satte Geschwindigkeitssteigerungen! Gemessen von Bahnsteig zu Bahnsteig und nicht von Haus zu Haus natürlich. Sonst wäre der Fortschritt angesichts der langen Fußwege zur und in die U-Bahn-Station eher ein Rückschritt, oder positiv ausgedrückt, ein Schritt in die richtige Richtung: Kauf dir ein Auto!³ Dazu kam eine Steigerung der Volksgesundheit, denn das Tragen eines Kinderwagens oder Rollstuhls treppauf und treppab stählte die Muskeln und leerte das Hirn – genau so etwas sucht heute die Bundeswehr verzweifelt bei den Gamescom-Besuchern.

Das bundesdeutsche freie Kraftfahrzeug wurde frei und freier, die Straßen konnten endlich die Innenstädte durchpflügen – die Städte wurden für die freien Bürger einfach lebenswerter. Die unfreien uneinsichtigen⁴, weil autoverweigernden Bürger zwängten sich in ewige Nacht der U-Bahn und entkamen minutenlang der Gefahr des Unfalltodes auf den Straßen. So war alles in Ordnung.

Dann kam der Schock: Ein Kölner lobte Düsseldorf! Was war geschehen? Verläßt man den Düsseldorfer Hauptbahnhof, gelangt man gleich zu Straßenbahnen und Bussen. Verlässt man den Kölner Hauptbahnhof, steht man in einer Betonwüste namens Bahnhofsvorplatz, die gleich durch das städtebauliche Meisterwerk der betonierten Domplatte erweitert wird. Nur das altertümliche Gemäuer im Hintergrund⁵ verwundert ein wenig.

Dieses Lob störte den Rheinischen Frieden, die Rheinische Republik⁶, das Selbstverständnis der unfreien uneinsichtigen Bürger, die nun plötzlich auch zu Fuß gehen wollten, öffentliche Verkehrsmittel nutzen wollten, ohne in den Untergrund⁷ gehen zu müssen und vielleicht auch noch Fahrrad fahren wollten.

Glücklicherweise wurden noch lange – sehr lange – viele – sehr viele – U-Bahnen gebaut.

Da passierte der Umschwung. In Köln-Bocklemünd wurde eine U-Bahn abgelehnt, stattdessen eine oberirdische Trasse gebaut und gerade fertig gestellt. Die U-Bahn- und Verschwendungsgegner jubelten.

Sie jubelten zu früh. Die sehr stark befahrene Ost-West-Achse soll nun in einem Tunnel verschwinden. Eine Strecke, die weitgehend auf eigenem Bahnkörper verläuft und nur ab und an mal dank der weisen Kölner Ampelpolitik aufgehalten wird. Das kann man aber nicht ändern, denn sonst müssten ja die freien Bürger in ihren freien Autos anhalten und das widerspräche dem Zusatzartikel 1 der Verfassung.⁸ Daher ist der Tunnel im Blick.

Mit eben diesem Tunnelblick präsentierte die Verwaltung ein Verfahren, das in Köln seit dem Verbundbrief⁹ einmalig war: Die Bürger sollten über verschiedene Varianten entscheiden. Verschiedene Tunnelvarianten natürlich, was sonst?

Die jahrelange Bauzeit wäre hinzunehmen, denn das Wahrzeichen der Stadt ist schließlich der Baukran¹⁰, die Ausdauer ist ein Kölner Alleinstellungsmerkmal¹¹, die Stadtverschandelung mehr als eine Tradition, sie ist dem Kölner geradzu ein Anliegen¹². Außerdem liegen am Wegesrand noch einige Gebäude, der Abriss sozusagen … um nicht zu sagen … also irgendwie … erledigt werden könnte. Aber keine Angst – das historische Bauwerk namens „Hahnentor“ wird professionell gesichert, siehe Abbildung.

Und so bleibt Köln ein leuchtendes Vorbild für die Welt: Vernunft ist vergänglich – Klüngel¹³, Traditon¹⁴ und Frohsinn¹⁵ überdauern alle Zeiten.


¹ Freie fahrt für freie Bürger, so lautete 1974 der Schlachtuf des ADAC. Gemeint waren natürlich nur autofahrende Bürger.
² Wir werden uns später daran erinnern!
³ Nun erinnern wir uns! Und was soll schließlich eine autogerechte Stadt ohne Autos darstellen?
⁴ Ein Hinweis an alle US-Amerikanischen Leser: Die Freie Fahrt für freie Bürger entspricht der Forderung nach freiem Zugang zu Waffen aller Art.
⁵ Sollte das die Bahnhofskapelle darstellen?
⁶ Welche seltsamerweise endete, als bei einer Leipziger Montagsdemo den Spruch „freie Fahrt für freie Bürger“ auf einem Transparent erschien.
⁷ Wir erinnern uns: Dort mauschelten die üblichen Verdächtigen und kassierten fröhlich des Bürgers Geld.
⁸ Welcher lautet, der geneigte Leser ahnt es sicher schon: „Freie Fahrt für freie Bürger.“
⁹ Etwa ein halbes Jahrtausend vor der Erfindung des Brühwürfels.
¹⁰ Jahrhunderte lang krönte den Kölner Dom ein Baukran, da der Bau einfach nicht fertig wurde.
¹¹ Jahrhunderte lang krönte den Kölner Dom ein Baukran, da der Bau einfach nicht fertig wurde.
¹² Jahrhunderte lang krönte den Kölner Dom ein Baukran, da der Bau einfach nicht fertig wurde.
¹³ Korruption (von lateinisch corruptio‚ Verderbnis, Verdorbenheit, Bestechlichkeit). Und erinnerte sich noch jemand an das Ereignis, etwa ein halbes Jahrtausend vor Erfindung des Brühwürfels? Genau – es war die im Rückblick heute oft reichlich euphemistisch als Demokratie bezeichnete Einführung einer Kölner Oligarchie.
¹⁴ Fortschritt mit den Mitteln von Gestern.
¹⁵ Wenn schon kein Brot, so wenigstens Spiele!

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