Schnürsenkelzähler und Salon Rassist: Th. Sarrazin

Man wird ihn ja doch nicht los. Dank Corona augenblicklich etwas auf Sparflamme – aber er tourt doch noch mit seinem neuen Machwerk durch die Lande. Eine der Leseveranstaltungen wurde vom November 2020 in den September 2021 verschoben – T. Sarrazin bleibt uns erhalten. Zwischen den persönlichen Auftritten verkaufen sich seine rechten Spekulationen als Papierkonvolute wie warme Semmeln, die weite Teile des sich gehoben dünkenden Bürgertums neben ihrem Latte Macchiato als ideologische Aufrüstung konsumieren.

Von Hans-Detlev v. Kirchbach und Joachim Lünenschloß

„Sarrazins Thesen prägen“, titelte die medienkritische NDR-Sendereihe ZAPP Ende August 2020; gemeint war damit freilich keine Laudatio, sondern eine sarkastische Negativbilanz eines Jahrzehnts Sarrazin-Hype. Nicht der Einnahmen des Bestsellerproduzenten wohlgemerkt, sondern des spezifischen Diskurses in jenen bürgerlichen Milieus, die sich von Sarrazin wohl verstanden fühlen.¹

Theuergarten Ewald, Public domain, via Wikimedia CommonsTheuergarten Ewald, Public domain, via Wikimedia Commonsur für Deutsche.Nur für Deutsche. Rassistisches, fremdenfeindliches Schild. Bezug in diesem Artikel zu Thilo Sarazzin, Neue Rechte, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit.

Nur für Deutsche. Rassistisches, fremdenfeindliches Schild. Bezug in diesem Artikel zu Thilo Sarazzin, Neue Rechte, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit.

Sein neues Produkt „Der Staat an seinen Grenzen“ stieg denn auch wieder direkt auf Platz 2 der Spiegel-Bestsellerliste ein. Aufsehen erregte nach seinem einstweiligen Abschied aus der SPD sein freundliches Beisammensein mit einem anderen ehemaligen SPD-Mitglied – Oskar Lafontaine des Namens, in Beisein des bekannten gleichgesinnten CSU-„Vordenkers“ Dr. Peter Gauweiler.

Die Überschrift der Frankfurter Rundschau – Zitat – „Oskar Lafontaine verteidigt Treffen mit Thilo Sarrazin, will Zuwanderung aber weiter begrenzen“² erscheint allerdings nicht ganz logisch – wieso „aber“? Das ist doch genau die Sarrazin-Linie, von der Herr Lafontaine schon seit etlichen Jahren nicht ganz so weit entfernt argumentiert. Nun freilich fordern auch einige Parteikreise der „Linkspartei“, wie zum Beispiel die „Bundesarbeitsgemeinschaft Die Linke queer“, den Rück- und Austritt des bereits mehrfach mit zwiespältiger Migrationsskepsis aufgefallenen Ex-Parteivorsitzenden. Vielleicht gründen beide bald eine eigene Partei, Gauweiler macht mit; und damit das Quartett sinnfällig komplett wird, sollte sich noch der grüne Oberbürgermeister von Tübingen, Herr Boris Palmer, hinzugesellen. Am Ende würde es dann noch heißen, man könne den Populismus nicht den „Rechtsextremen“ allein überlassen – aber eine beachtliche Querfront würden die vier alten Herren schon bilden. Sozusagen die vierfach verkörperte „Mitte“.

Ein sozial getarntes „Brückenargument“, das diesesmal nicht direkt von Sarrazin, sondern von Lafontaine stammte, zitierte die Frankfurter Rundschau in ihrem Bericht über das Meeting der drei einvernehmlichen Vordenker: „Sarrazins These, dass die Migration den Herkunftsländern und den Aufnahmeländern Nachteile bringt, teile auch Lafontaine. Er sei der Auffassung, dass die Mittelschichten zwar profitieren würden, die Ärmsten aber Nachteile hätten.“ So läßt sich Nationalismus auch sanft einwickeln. Der Inhalt bleibt freilich derselbe.

Dann würde sich die bange Frage, die wir uns alle seit August stellen: Ist die SPD Sarrazin wirklich los?, ebenso erledigen wie die Aufforderung von Professor Dr. Karl Lauterbach aus dem Jahre 2018 an seinen damaligen Noch-Parteigenossen: „… Er sollte zur AfD wechseln, um klar zugeordnet werden zu können. Wir wollen nichts mehr hören.“

Ruhmreicher Recke regressiver Rassenlehre

Seit dem 1. August 2020 darf der ruhmreiche Recke regressiver Rassenlehre nun nicht mehr zur Propagierung seiner völkischen Agitation mit dem SPD-Parteibuch wedeln, ganz im Sinne Karl Lauterbachs und vieler anderer SPD-Angehöriger, denen der Rechtsausleger wie ein Widerhaken im Fleische saß. Einen Gerhard „Goldkettchen“ Schröder freilich, seines Zeichens Kriegstreiber, Sozialdarwinist und Geldempfänger des lupenreinen Demokraten, Kriegstreibers und Sozialdarwinisten Putin, erträgt diese Partei weiterhin klaglos.

Sarrazins Rausschmiß war denn auch ein schwerer Schlag – weniger für den Betroffenen, der noch vor Gericht gehen will, weil er sich seltsamerweise nicht als „Rechtspopulisten“ etikettieren lassen mag, als vielmehr für die stets zu Scherz und Häme aufgelegten Autoren dieses Beitrages – müssen sie doch in Zukunft womöglich schweren Herzens auf die Anreicherung ihrer Kommentare mit der galligen, aber zutreffenden Sottise „AfD-Ideologe Thilo Sarrazin (SPD)“ verzichten. Es ist schon ärgerlich, wenn einem politisch an sich wünschenswerte Entwicklungen die liebgewordenen Pointen klauen.

Feld der nationalen Ehre

Heldenmütig aber, auf dem Felde der Ehre, der nationalen Ehre zumal, wird Ritter Thilo weiterkämpfen, vor Gericht vielleicht, in Interviews, und durch Bedrucken hunderter Buchseiten in Hunderttausenden Exemplaren, für die ganze Wälder abgeholzt werden müssen, ohnehin. Denn auch wenn Sonja Zekri, repräsentativ für die überwiegend negativen Rezensionen seiner Agitationsschriften in der „seriösen Presse“, sein Opus „Feindliche Übernahme“ in der Süddeutschen Zeitung vom 30. August 2018 so „belobigte“: „Deutschland braucht dieses Werk so dringend wie einen Ebola-Ausbruch“³, so bleibt doch die deprimierende Tatsache bestehen, daß Sarrazin der erfolgreichste Sachbuchautor seit 1945 ist. Jedes seiner Bücher schaffte es auf die Spiegel-Bestsellerliste, und namentlich sein Best-Bestseller „Deutschland schafft sich ab“ war das meistabgesetzte Druckwerk politischen Inhalts seit „Mein Kampf“.
Was über die Geistesverfassung des deutschen Bürgertums allerdings mehr aussagt als jede sozialwissenschaftliche Studie.

In gewissen sozialen Netzwerken kursiert er ohnehin inflationär, mit Hunderttausenden „Likes“, oder auch als Gastautor beispielsweise bei Henryk M. Broders „Achse des Guten“. Daß er, der Märtyrer aufrechter deutscher Gesinnung, der Verfolgte linksgrün versiffter Gedankenzensur mit zig Medienauftritten und Millionenauflage, als Gastredner bald – wieder – auch bei der AfD und verwandten rechtsgewirkten Zirkeln eingeladen und auftreten wird, sollte nicht allzu lange auf sich warten lassen. Immerhin gehört er doch zu deren ausschlaggebenden „Vordenkern“ spätestens seit seinem „Klassiker“, der Bibel aller intellektuelleren Xenophoben und hobbymäßigen Rassetheoretiker, „Deutschland schafft sich ab“. Und noch einen Hauch, einen Nanometer weiter rechts erklang für ihn eine Laudatio, die einer Krönung gleicht: Götz Kubitschek, einer der wichtigsten Wort- und Denk-Führer der völkischen Rechten, bescheinigte ihm voll wärmster Dankbarkeit, er habe die völkischen Themen und Ideen maßgeblich „salon-“ sprich diskursfähig gemacht.

Mit seinem „Migrantenbashing“ sei er wie ein „Rammbock“ auf eine „vorher nicht zu ahnende Weise durchgestoßen“, zitierte die taz 2016 den neofaschistischen Ideologen. „Das war eine Resonanzbodenerweiterung für uns, Begriffe wurden ventiliert, die wir seit Jahren zuspitzen, aber nicht im Mindesten so durchstrecken konnten, wie Sarrazin das konnte“, freut sich Kubitschek.

Der vermessene Mensch

Wobei hier stets der „Resonanzboden“ im bürgerlichen „Diskurs“, also der schwammig verschleiernd so genannten „Mitte“, gemeint ist. Dieser aber ist es ungeachtet des Geschwurbels um „Werte“ – das am ehrlichsten noch ist, wenn es um Aktien- und Immobilienwerte geht – bei allen „Diskursen“ vorrangig um Erhalt und Sicherung von Status und Privilegien zu tun. So liest sich auch die Feststellung der taz im zitierten Artikel gleich im „rechten“ Blickwinkel: Es seien gerade „renommierte Repräsentanten der gehobenen Mitte“ gewesen, die den rechten Grundton gegen eine „plural-libertäre Gesellschaft“ angestimmt hätten. Einer wie der wackere SPD-Biedermann Sarrazin eben, der dem durch neoliberalen Dschungelkrieg, durch Finanzkrise und Immobilienblase verunsicherten Bürgertum klar benennen kann, von wem seinem Besitzstand Gefahr droht: Es sind die Horden ungebildeter und kulturfremder „Migranten“, die in unser überzüchtetes und durch hauseigenes Prekariat schon überlastetes Sozialsystem einwandern, ja, gezielt eingeschleust werden; die bilden und integrieren zu wollen, aufgrund ihrer statistisch evidenten genetisch angelegten IQ-Defizite weitgehend aussichtslos ist, und die dem arbeitsamen und rechtstreuen Vorgartenbesitzer die Butter, wenn nicht gar den Kaviar vom Brot zu nehmen drohen.

Diffuse Urängste der vielbeschworenen „Mitte“ sind es also, an die Sarrazin andockt, appelliert – und die er mit dem Habitus des ehrsamen Buchhalters gezielt mobilisiert, zunächst zum Run auf die Buchhandlungen, um seine manipulativen Dystopien ans begierige Publikum in Höchstauflagen zu verkaufen, dann aber auch zur präzisen Ausformung in politische – also rechte – Affekte. „Brückenbauer“ war und ist der selbstberufene Volkswart Thilo von daher gesehen; einst schrieb sich Heinrich Lübke mit dem Diktum „Die freie Rede schlägt Brücken von Mensch zu Mensch“ ins Buch der goldenen Zitate ein; in solchem Sinne schlug Sarrazin tragfähige Brücken zwischen biederem Bürgersinn, Teilen zumindest der sogenannten „Mitte“, und rechten, bisher vermeintlichen Außenbezirken. Diffuse Affekte gegen das irgend „Fremde“ sind recht unterschiedlich kostümierten Milieus gemeinsam, verbinden sie, und stellen eine wesentliche sozialpsychologische Basis für den Erfolg rechtspopulistischer Bewegungen dar, an ihrer parteipolitischen Spitze die AfD. Die ist zwar mittlerweile laut aktueller Umfragen im November auf ca. 8 Prozent abgefallen, aber ohne Sarrazin und seine per Bestseller verkaufte Wiederbelebung und scheinbar „empirisch“ legitimierte Rehabilitierung biologistischer „Intelligenzhypothesen“ in direkter Ableitung aus ethnischer Abkunft und Zugehörigkeit und seine missionarisch vorgetragenen, „seherhaften“ Warnungen vor einer Art „Unterwanderung“ des deutschen Volkskörpers durch fremde Invasion wäre die AfD als parteipolitische Verkörperung eben dieser Ressentiments wohl nicht so weit gekommen, wie sie denn doch gediehen war. Und irgendein anderes Thema als die immergleiche xenophobe Litanei hatte und hat diese Partei nicht wirklich.
Darüber hinaus steht Sarrazin für einen populären Trend – eine Regression reinsten Wassers. Mit seiner bürokratischen Statistik-Manie, die vorrangig die intellektuelle Unterlegenheit und Bildungsresistenz von Personengruppen nichtdeutscher, nichteuropäischer Herkunft zu beweisen vorgab, trieb er eine populäre, pseudowissenschaftliche Renaissance biologistischer „Intelligenz“- und „Begabungs“- Hypothesen voran, die betont an der erwähnten Grenzlinie „ethnischer“ Herkunft und Zugehörigkeit verlaufen. Widerlegt hat dieses gängige sozial – rassistische Narrativ in Gestalt der „Intelligenz“-Berechnung via IQ-Messung zwar bereits der britische Evolutionsbiologe Stephen Jay Gould vor über vier Jahrzehnten mit seinem Standardwerk „The Mismeasure of Man“ (zu deutsch: „Der falsch vermessene Mensch“) und die ideologische, aus Klassen- und „Rassen“-Ressentiments gediehene Prägung dieser Theorien und Methoden nachgewiesen. Das spielt allerdings für Lernreistente, die andere kollektiv für dümmer halten als sich selbst, keine Rolle. An dieser Ignoranz kann ein Sarrazin anknüpfen und die alten „vermessenen“ Klamotten wieder aus der Rumpelkammer hervorziehen, aufgeputzt als ganz neue Erkenntnisse von schierer „Objektivität“. Mithin eine PR-technisch, verbal modernisierte, in etwas Watte verpackte, Wiederauflage alter Rassetheorien und Abstammungslehren.

Derlei hat, mindestens seit Immanuel Kants systematischer Einordnung und „Bewertung“ von „Menschenrassen“ – die er nicht erfand, wohl aber im „gebildeten Publikum“ wahrhaft salon- und zitierfähig machte -, insbesondere dem mittel- bis besserbürgerlichen Publikum in Deutschland stets behagt. Dieses beruft sich im Gegensatz zum handfesteren kleinbürgerlichen Stammtisch, dem der spontane Affekt gegen – seinerzeit – „Mohren“ und „Sarazenen“ – mit Sarrazin weder verwandt noch verschwägert – auch ohne Theoriebau vollauf genügt, recht gerne auf wohlklingende, vorrangig in Buchform gedruckte, vermeintliche „Autoritäten“. Wenn das eigene Vorurteil, die eigene Abneigung – die eigene Selbstüberhöhung auch – angeblich wissenschaftlich untermauert ist und von „geistigen Leitfiguren“ behauptet, von Professoren oder mindestens Doktoren bezeugt wird, kann man sich auf diesem Schatze wohl ausruhen.

Exkurs: Haeckel und Sarrazin

Wenn der Volkswirt Sarrazin heute für jene Teile des aktuellen Bürgertums, die zu ihm pilgern und ihn, nicht zuletzt zur Freude des Bertelsmann-Imperiums, zum erfolgreichsten Sachbuch-Bestsellerverkäufer in der Geschichte der BRD gemacht haben, die referentielle Instanz für biologistische und völkische Ansichten, kurzum neu aufgelegte Rassetheorien, darstellt, so war um die vorletzte Jahrhundertwende der Zoologe, Philosoph – und Sozialreformer – Ernst Haeckel (1834-1919) eine vergleichbar ausschlaggebende Autorität für die bürgerlichen Salons und Studierzimmer, was die neueste Wissenschaft der „Rassen“ und „Eugenik“ betraf.
Entscheidend und katastrophal bleibt Haeckels Einfluß auf die Entwicklung eugenischer Ideologie und „Rassehygiene“. Seine „Konzeption“ einer auf „eugenischer“ Grundlage beruhenden Sozialpolitik, welche die „Verbesserung der Menschheit“ – von der seit etwa 1870 bis weit nach 1945 allerdings noch viele andere Theoretiker schrieben und sprachen – durch selektiven Ausschluß vermeintlich „Untauglicher“ von der „Vermehrung“ zu erreichen trachtete, hat über das 3. Reich hinaus schwere Spuren hinterlassen, die bis dato noch jederzeit abrufbar in vielen Köpfen nachwirken. Was sich eben auch im Sarrazin-Hype zeigt.

Genau diese abwertenden und selektiven Denkfiguren sind prinzipiell schon an Sarrazin und die von ihm wiederbelebten „Diskurse“ über vermeintlich minder intelligente, leistungsunfähige oder -willige und für die Profitwirtschaft weniger taugliche Menschengruppen anschlußfähig, die er mit biologisch-genetischen Spekulationen und vermeintlich statistischer Evidenz mit Vorliebe bei „Unterschichten“ und Migranten ausmacht. Von solcher „Diagnose“ zu entsprechender „Therapie“ ist es dann nur noch ein Schritt. Etwelche „Therapien“ schlägt Sarrazin zwar nicht explizit vor, ebenso wie Haeckel, der seinerseits auch wesentlich der Theorie verhaftet blieb; aber diejenigen, die praktische Konsequenzen abzuleiten sich berufen fühlen, lassen nicht lange auf sich warten. Das historische Beispiel steht bei aller Widersprüchlichkeit für diese Erfahrung – und aktuell betrachtet, haben AfD und sonstige Migranten- und Flüchtlingsfeinde aller Provenienz die Umsetzung der Sarrazinschen „Erkenntnisse“ in politische Aktion und Propaganda übernommen.

„Medienstar“ Sarrazin

Das alles konnte über ein Jahrzehnt unter Beifall einer wachsenden Fangemeinde, unter Akklamation von rechts und rechtsaußen, und bis vor kurzem unter dem Schutzmantel der SPD-Mitgliedschaft gedeihen. Doch deren Entzug dürfte die Resonanz des rechtspopulistischen Messias jedenfalls in bestimmten Milieus, weit über die AfD hinaus, eher verstärken als dämpfen. Jetzt wird er womöglich erst recht als Märtyrer herumgereicht, der zensiert und totgeschwiegen werden soll. Auflagen- und Gagenmillionär ist der solcherart marginalisierte ehemalige Bundesbanker und Ex-Finanzsenator von Berlin ohnehin schon; über seine früheren Minijobs und deren bescheidene Entlohnung kann der staubtrockene Superstar aller aufrechten Patrioten heute wohl nur gelangweilt lächeln. Er ist jetzt jedenfalls wieder dort, wo er am liebsten ist – in den Medien aller Provenienz, und sein aktueller Buchauswurf hat sich schon als erneuter Bestseller erwiesen.

Man wird ihn also bald auch wieder in offiziösen „Talkshows“ sehen und hören dürfen; kaum eine Redaktion, die sich nicht gescheut hätte, den drögen Demagogen allein im Hinblick auf seine wohl mit Recht vermutete „Attraktivität“ für ein bestimmtes bürgerliches Publikum mit Quoten- und Auflagenrelevanz – in einer Art rechtsdrehender „Promi Big Brother“ Show – vorzuführen.

Da ließ sich auch der WDR-Hörfunk nicht lumpen. In seine Funkhausgespräche bei WDR 5 am 2. Juni 2016 unter der Themenstellung „Sind wir den Genen ausgeliefert?“, die ihre Beantwortung in Form einer rhetorischen Frage schon zeitgeistkompatibel suggerierte, lud die Redaktion neben einem Humangenetiker und einem Soziologen als eindeutiges Zugpferd Th. Sarrazin ein. Der Kleine Sendesaal des WDR füllte sich denn auch mit einschlägiger Klientel, die vor allem ihrem Messias akklamieren wollte. Mitautor Joachim Lünenschloß war allerdings auch dabei – und verhagelte mit live laut hörbarem Protest gegen den völkischen Propagandisten die Bombenstimmung, die sogleich in Pogromstimmung umschlug. Unter höhnischen Bemerkungen des toughen jungen Moderators und Gejohle des anwesenden Kulturbürgertums wurde der Störer, der vor Aufregung mit Herzstichen zusammenbrach, von WDR-Security aus dem Saale geschleift, ohne ärztliches Eingreifen des auf dem Podium anwesenden Mediziners und Humangenetikers Prof. Dr. Klaus Zerres aus Aachen.

In der Folge erhielten der „Randalierer“ sowie drei weitere mit ihm per „Kontaktschuld“ nach Art der RAF-Prozesse verbundene langjährige freie Mitarbeiter des Senders ein zwar nie offiziell erkärtes, jedoch von den Sicherheitsdiensten („Sie kommen hier nicht mehr herein!“) vollzogenes Haus- und somit letztlich ARD-weites Berufsverbot.

Dieses kleine, durchaus nebensächliche, Beispiel zeigt doch eindrucksvoll, welch einen Wert, welch einen Schatz der Massenmagnet Sarrazin auch für quotensüchtige, aber diskursunfähige ehemals öffentlich-rechtliche Sender darstellt, die sich doch einst auf ihren Pluralismus und ihre Rolle als Forum kontroverser Streitkultur sehr viel zugute hielten.


¹Sebastian Friedrich: Zehn Jahre – Sarrazins Thesen prägen. In: Zapp (NDR), Stand 26.08.2020,13:15 Uhr. (https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/zapp/Zehn-Jahre-Sarrazins-Thesen-praegen,sarrazin166.html)

²Moritz Serif: Oskar Lafontaine verteidigt Treffen mit Thilo Sarrazin, will Zuwanderung aber weiter begrenzen. In: Frankfurter Rundschau, 01.10.2020, 13:45. (https://www.fr.de/politik/oskar-lafontaine-linke-trifft-sich-mit-thilo-sarrazin-und-hetzt-gegen-gefluechtete-90057741.html)

³Sonja Zekri: Deutschland braucht dieses Werk so dringend wie einen Ebola-Ausbruch. In: Süddeutsche Zeitung, 30. August 2018, 5:20 Uhr. (https://www.sueddeutsche.de/kultur/neues-sarrazin-buch-deutschland-braucht-dieses-buch-so-dringend-wie-einen-ebola-ausbruch-1.4109017)


Beitragsbild: Theuergarten Ewald, Public domain, via Wikimedia Commons. (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Nur_fur_deutsche.jpg?uselang=de)

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