Die Querdenker- und Querdenkerinnen – oder: „ENTSPANNT IN DIE BARBAREI …“

Querdenker“? Was soll dem entgeisterten, oder in anderen Fällen: dem, zum Beispiel, esoterisch „begeisterten“ Publikum damit gesagt werden? Wir denken quer zum allgemeinen Denken. Wir nehmen uns heraus, frei und unbekümmert laut auszusprechen, was Andere sich nicht trauen. Sie wissen und wagen mithin, so ihr Credo, etwas, was die von ihnen angenommene „schweigende Mehrheit“ nicht weiß und sich nicht traut.

von Joachim Lünenschloß und Hans-Detlev von Kirchbach

Dieses vermeintliche, aber nun sehr lautstark öffentliche, „Geheimwissen“ gipfelt in tollkühnen Behauptungen, z. B. der „Enthüllung“, daß wir in einer womöglich langfristig inszenierten „Corona-Diktatur“ leben, in der es, so wird im festen Anschluß an gängige rechtspopulistische Propagandamythen suggeriert, nicht mehr möglich ist, offen seine Meinung zu äußern (wenn es wirklich so wäre, so wären die selbsternannten Märtyrer, suggestionsentsprechend, schon zu tausenden im Gefängnis, in Lagern eingesperrt oder wohlmöglich hingerichtet, statt auf Massendemos, im Internet und sogar in der „Tagesschau“ weithin ungehindert die Meinungen zu äußern, die sie angeblich nicht sagen dürfen). Sie empfinden sich als eine Avantgarde, die stellvertretend für die dummgehaltene Mehrheit Wagnisse eingeht; ja gar, daß sie eine gefährdete, von der eigentlich wahren Vernunft getriebene, Elite darstellen. Da ist es dann bis zum Opfervergleich nicht mehr weit, sodaß sich einige dieser Akteure oder Akteurinnen mit den Geschwistern Scholl oder Anne Frank gleichsetzen. Aberwitziger, wenn es nicht so tolldreist traurig wäre, geht´s nicht! Aber auch dies ist eine gern eingenommene Haltung rechter Provenienz. Siehe die AFD! Die, wen wundert´s, in selbigen, trüben Tümpeln, in denen sie angeblich geopfert werden, fischen und dort, bei den „Querdenkern“ auch eine Wählerklientel haben. Die Täter und Täterinnen erklären sich selbst zu Opfern von verschwörerischen, geheimen Mächten, die sie ständig enttarnen – nur sieht die Mehrheitsbevölkerung diese Gefahr nicht. Bornierter geht es nicht!

Schallend lachen

Aluhüte sollen manche dabei schützen. Als ich vor Jahren das erste Mal von diesen ominösen Kopfbedeckungen hörte oder las – wahrscheinlich bei Jutta Ditfurth, mußte ich schallend lachen!

Wie sagte Hannah Arendt im Gespräch mit Günter Gaus 1964 sie sprach davon, wie es ihr erging, als sie die „Eichmann- Protokolle“ las: „Ich habe dabei oft schallend gelacht …“, womit sie die Gefährlichkeit dieses auch als „Hanswurst“ betitelten Adolf Eichmann sicher nicht herunterspielen wollte, so doch auf dessen biedere Banalität anspielte, die diesen bösartigen Pragmatiker und Schreibtischtäter ausmachte.

Schon 1996 hatte Jutta Ditfurth – die unermüdliche Aufklärerin, in ihrem Buch: „ENTSPANNT IN DIE BARBAREI. Esoterik, (Öko-)Faschismus und Biozentrismus“ wohlrecherchiert wie immer, die Zusammenhänge „neurechter“ Strömungen beschrieben – insbesondere mithin die „Querfront“ von „New Age“ und „Tausendjährigem“ Denken. Sie führte die antreibenden Personen und Organisationen vor und zeigte die Gefährlichkeit dieses diffusen Eintopfs aus esoterischer Einfaltspinselei und ultrarechter Wiedergängerei auf, den Spannungsbogen von schein-„alternativen“ rechtsökologischen Zirkeln bis in die Neonaziszene, also die integrative Struktur von Ying und Yang und Hakenkreuz.

Eines, was die Nähe diffuser Natur-Tümelei im unbekömmlichen Brei der Naziideolgie ausmacht, ist neben Unfähigkeit zu rationaler Analyse nicht zuletzt der Hang zu obskuranter Wirklichkeitsverzerrung, die sich namentlich aus rassistischen und antisemitischen Ressentiments nährt. Von diesen war bereits die bürgerliche „Natur“- und „Lebensreform“-Bewegung des frühen 20. Jahrhunderts durchzogen, die sich in wesentlichen Teilen an den NS-Faschismus anschlußfähig zeigte. Mit dem „New Age“, dem antipolitischen und gegenaufklärerischen Seitenast der 60er-Protestbewegungen, blühte die gar nicht so neue Rationalitäts- und Wissenschaftsfeindlichkeit wieder auf, verbunden mit Dämonisierungen und Verschwörungskonstrukten als „alternativen“ Erklärungsmodellen. Das zieht sich bis in die heutige „Querdenker“- Bewegung durch – das Fehlen von jedweder Diskursivität, jedweden Denkens.

Querfront

Darin, und nicht nur dort, taucht mit Recht der schon lange vor den „Querdenkern“ etablierte Begriff der Querfront wir möchten nur leicht sarkastisch fast sagen die „Harzer Front“ -, auf. Einst galt etwa ein Bertrand Russell als „Querdenker“, heute muß man sich mit Figuren wie Xavier Naidoo begnügen, die sich das ruhmreiche Etikett als selbstverliehene Auszeichnung aufpappen aber dieser „Orden“ ist eine dreiste Fälschung neudeutsch „Fake“. Da ist die „Querdenker Bewegung“ der „Superschlauen“, mit ihren teils bewaffneten Reichsbürgern und sicher oft schwer gerüsteten Neonazis, nicht weit. Wenn dieses Milieu nicht vielfach in der sogenannten Mitte – auch der akademischen „Elite“ (das Wort „Mitte“ geht uns schon gewaltig auf die Nerven) verankert wäre, nicht auf derart medienmultiplizierte Resonanz stoßen, von einer parlamentsvertretenen Partei unterstützt und tausende in der gegenwärtigen „Coronakrise“ irritierte und um ihre Existenz bangende Mitläufer finden würde, so könnten wir darüber schallend lachen. Leider ist es so, daß dieses Lachen im Halse stecken bleiben könnte …

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